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Caspar Wolf, Das Geltenschüssli mit dem Geltenhorn

Histoires de la venteVente d'automne 2026

Caspar Wolf: Die erhabene Schönheit der Alpen

Drei Berglandschaften von Caspar Wolf, dem Pionier der Alpenmalerei, kommen an der Herbstauktion 2026 in Zofingen zur Versteigerung.

Publié le 25 octobre 20263 min de lecture

Man muss gut hinschauen, um sie zu entdecken: zwei winzige Gestalten auf einem moosigen Felsvorsprung, kaum grösser als ein Pinselstrich, während über ihnen der Staubbachfall in Kaskaden über mächtige, von dunklen Nadelbäumen gesäumte Felsstufen sprudelnd in die Tiefe stürzt und unten im Sprühnebel ein kleiner Regenbogen entsteht. Caspar Wolf (1735 –⁠1783) hat die beiden nicht aus Versehen so klein gemalt. Sie sind das Mass, an dem man begreift, wie gewaltig und erhaben alles andere ist.

Lange bevor der Tourismus die Berge eroberte, galten die Hochalpen als unwirtlich, als Hindernis auf dem Weg nach Süden, und kaum ein Maler wäre auf den Gedanken gekommen, ihretwegen seine Malausrüstung über Geröllhalden zu tragen. Der in Muri im Kanton Aargau geborene Wolf hingegen tat genau das. Im Auftrag des Berner Verlegers Abraham Wagner, der in seinem Kabinett grossformatige Gebirgslandschaften versammeln wollte, stieg er ab 1773 immer wieder ins Hochgebirge. Oft an der Seite des Naturforschers Jakob Samuel Wyttenbach, zeichnete und malte er vor Ort, die Gemälde arbeitete er danach im Berner Atelier aus. Diese waren aber nicht für den Verkauf bestimmt, sondern dienten als Vorlagen für detailgetreue und aufwändig produzierte Druckgrafiken. 1777 erschienen in Bern im Verlag von Wagner die ersten Merkwürdigen Prospekte aus den Schweizer-Gebürgen sowie die Folge Alpes Helveticae. Die kolorierten Umrissradierungen nach Wolfs Gemälden erschlossen einem breiten Publikum die zuvor wenig bekannten Gebirgslandschaften der Schweiz. So wurde Wolf zum Pionier der Alpenmalerei: Bei ihm sind Gletscher, Schluchten und Wasserfälle nicht länger Kulisse, sondern die Hauptsache. Er malte, was kurz darauf halb Europa mit eigenen Augen sehen wollte. Johann Wolfgang von Goethe stand 1779 anlässlich seiner Schweizer Reise vor dem Staubbachfall und schrieb davon beeindruckt das Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern». Wolf begnügte sich nicht mit dem Blick vom Talboden: Er stieg hinauf, bis zu den oberen Stufen des Bachs.

Gleich drei seiner virtuosen Berglandschaften kommen bei uns zur Versteigerung. Der «Obere Staubbachfall im Lauterbrunnental», signiert und 2014 in der grossen Wolf-Ausstellung des Kunstmuseums Basel gezeigt, ist die mystischste der drei Gebirgslandschaften: Dunkle Felsen, grüne Tannen und dazwischen weisse Gischt. Im «Myrrenbachfall im Lauterbrunnental» ergiesst sich das Wasser Stufe um Stufe eine riesige Felswand hinunter, und unten am Bach steht jemand, der mit ausgestrecktem Arm hinaufzeigt, als traue er seinen Augen nicht. Beim «Geltenschüssli mit dem Geltenhorn» schliesslich fällt der wilde Bergbach tosend und sprudelnd an riesigen Felsblöcken vorbei in die Tiefe; dahinter leuchtet der Berg wie eine Erscheinung, auf der Alp treibt ein Hirte sein Vieh, und ganz unten wandert ein Herr im roten Rock bergan, ein Entdecker in einer Welt, die bis dahin den Hirten gehört hatte.

Alle drei Bilder sind kaum einen halben Meter hoch, und doch hat in jedem ein ganzes Gebirge Platz. Für Sammlerinnen und Sammler früher Schweizer Landschaften sind das drei gute Gründe für einen Besuch. Alle anderen können in unserer Vorbesichtigung nachzählen, wie viele Menschen Wolf in seinen Bergen versteckt hat.

Peter Fischer, Kurator des Museums Caspar Wolf, Muri, hat die Werke vor Ort gesichtet und erachtet sie als eigenhändige Repliken Caspar Wolfs nach den ersten Fassungen seiner Gemälde.