Auktionshaus ZofingenAuktionshaus Zofingen
Spindel-Taschenuhr von Girardier L’Aîné, Genf, um 1810: Deckel mit Putten, darunter die verborgene Szene

Stories from the auctionAutumn Auction 2026

Amor in der Tasche des Geistlichen

Zwei Taschenuhren mit Geheimnis an der Herbstauktion 2026: Girardier L’Aîné und die «Grande Complication» von Charles Humbert & Fils.

Published on 25 October 20262 min read

Ob die Uhr des Genfer Uhrmachermeisters Girardier L’Aîné jemals einem Geistlichen gehört hat, das wissen wir nicht. Gepasst hätte es. Und das kommt so: Die Uhr hat ein Geheimnis. Der goldene Deckel über dem Zifferblatt deckt zu, was nicht jeder sehen soll. Er ist reich verziert, und der Zierat ist voller Hinweise auf das Verborgene. Amor hat dem Graveur den Stichel geführt. Mit Putti, Pfeil und Bogen, brennenden Herzen und Turteltauben stimmt er auf sein Thema ein, die Liebe, den Eros. Auf der Höhe von drei Uhr gibt es einen Drücker, der den Deckel öffnet.

Der Gottesmann weiss um den Drücker, und er kennt das Verborgene darunter. Am liebsten lässt er ihn geschlossen, denn die Andeutung, das Geheimnis, die Ahnung sind viel spannender als das Aufgedeckte und Entblösste. Der Eros ist immer stärker als das Explizite. Und es gibt eine Verbindung zum Metier des Geistlichen. Die Religion lebt von Hinweisen und Andeutungen. Der grundlose Grund von allem ist immer da, aber nicht zu fassen. Das Explizite ist ihr fremd. Und wer meint, er hätte es, hat es nicht. Das Geheimnis muss gewahrt bleiben. Alles ist Ahnung und nichts Gewissheit. Nur so kommt einer dem Verborgenen näher. «…je offener man in die Sonne hineinschaut, desto mehr Finsternis verursacht sie im Sehvermögen…» (Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht). Mit anderen Worten: Je mehr man zu sehen meint, desto weniger erkennt man.

Taschenuhr «Grande Complication» von Charles Humbert & Fils im Etui

Das weiss der Geistliche, wenn er nach seiner Uhr greift, und das weiss er, wenn er auf der Kanzel steht. In der anderen Tasche hat er möglicherweise den ewigen Kalender mit Minutenrepetition von Charles Humbert & Fils versteckt. «Ewig» ist an der Uhr ja nichts – sie ist genauso wie jeder andere mechanische Apparat dem Verschleiss ausgesetzt und wird, wenn sie nicht gepflegt wird, ganz profan irdisch stehenbleiben. Aber wer sie zu nutzen versteht, der zieht sie jeden Tag auf und hat immer korrekt den Kalender vor Augen; und den Gang des Mondes kennt er gar bei bedecktem Himmel. Und auch dieser Mechanismus hat sein Geheimnis, das nur aufdeckt, wer das komplexe Werk unter dem Zifferblatt zu deuten weiss.